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Zuversicht und Hoffnung in einer angstmachenden Welt

Bericht und Fotos: Anne-Kathrin Kapp-Kleineidam


Verena Osgyan hält ihr Impulsreferat zum Thema "Was es heute heißt, protestantisch zu leben.

Eine eigene Meinung zu vertreten, bekommt man als Protestant/in von klein auf mit. (Osgyan)

Verena Osgyan strahl Zuversicht aus: Kirche hat Kraft zur Veränderung.

Aufmerksame Zuhörerin und Gesprächspartnerin, Verena Osgyan.

„Wir müssen uns einmischen, denn wir stehen nicht neben der Welt“ sagte Verena Osgyan beim dritten Abend „Was es heute heißt, protestantisch zu leben“ in der Stadtkirche. Osgyan, die für Bündnis 90/Die Grünen im Landtag und gleichzeitig in der Landessynode ist, erzählte zunächst von ihrer Herkunft aus dem fränkischen protestantischen Kernland: von der Lutherbibel von 1555 (!), die in ihrer Familie weitergegeben wird, dem Gottvertrauen und den Liedern von Paul Gerhard, die sie geprägt haben. Beim Studium in Nürnberg lernte sie dann die kirchliche Eine-Welt-Arbeit kennen. Ihr Eintritt bei den Grünen erfolgte kurz nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl, damals war es kein Mainstream, gegen Atomkraft zu sein, der Atomausstieg lag noch in weiter Ferne. Das Protestantische, Luthers „Hier stehe ich und kann nicht anders“ hat sie – wie auch andere Protestanten – beeinflusst. Eine eigene Meinung zu vertreten, bekomme man als Protestant/in von klein auf mit.

 

Obwohl oder weil sie Politikerin der Grünen ist, hat Osgyan kein Problem, ihr Bekenntnis zu leben. Politische Arbeit und Glaube schließen sich ihres Erachtens nicht aus, sondern befruchten sich gegenseitig, wenngleich es auch Grenzen gibt. Die Bemühung grüner Politik, die Zukunft zu sichern, die Lebensgrundlagen für unsere Kinder zu erhalten entsprechen dem christlichen „Schöpfung bewahren“, wie sie darlegt. Es freut sie, dass das Thema „Klimawandel“ von kirchlichen Diensten und Gruppen aufgegriffen wird. Christ/inn/en sollten sich nicht aus der Politik heraushalten, das widerspräche unserem Auftrag zur Nächstenliebe. Von kirchlicher Seite aus können wir vielmehr Einfluss nehmen, und viele machen das auch, z.B. in der Hilfe für Geflüchtete. Zum Thema Kirchenasyl sagt Osgyan, dass sie sich über die stützende Aussage von Heinrich Bedford-Strohm gefreut hat und fügt an: „Wir müssen uns einmischen, denn wir stehen nicht neben der Welt“. Ähnliches sagt der Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzende übrigens in seiner „öffentlichen Theologie“.

 

Osgyan streift auch die negativen Dinge der vergangenen 500 Jahre Protestantismus  - den Antisemitismus Luthers und seine traditionelle Haltung Frauen gegenüber - betont aber, dass die Kirche Kraft zur Veränderung habe. Sie sei froh, dass – wenigstens seit 1975 Frauen Pfarrerinnen sein können und bemerkt, dass in der Landessynode 40% Frauen sind, dagegen im Landtag erst 28%. Ihr Impulsreferat schließt sie mit (der Minderheit) der Bekennenden Christen im 3. Reich, mit dem Verweis auf die Aufnahme der Barmer Erklärung durch die Synode neulich und mit Worten Bonhoeffers gegen die Angst: „Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag“ – auch wenn die Kirche kleiner wird.

 

In der anschließenden Diskussion fragte die Moderatorin Jutta Geyrhalter die Referentin, ob sie finde, dass Protest in der Gesellschaft nötig ist, damit sich diese bewegt.  Osgyan antwortet, dass Protest an sich nichts Schlechtes sei, da Meinungsfreiheit wichtig sei. Wenn sich der Protest allerdings Richtung Hass und Hetze verselbständigt, wäre etwas schiefgelaufen. Ulrike Gote fragte, wie die beiden Kirchen angesichts abnehmender Zahlen eine neue Rolle fänden? Osgyan meinte, dazu gäbe es unterschiedliche Meinungen und Ansätze. Es würden auch verschiedene Phasen des Trauerprozesses durchlaufen. Doch sie findet eine Neubesinnung und die Konzentration auf das, was in Zukunft wichtig ist bzw. sein soll nicht negativ. (Im Referat war sie schon auf den Prozess „Profil und Konzentration“ eingegangen, der von der Landeskirche gerade angestoßen wurde). Osgyan verwies auf Christ/inn/en in der ehemaligen DDR, die wegen ihrer geringen Zahl  quasi „Jüngerkirche“, aber  trotzdem zuversichtlich sind.  - Nach einer Diskussion, wie einerseits Kirche andererseits Politik besser Jugendliche und jüngere Menschen erreichen kann, schloss Osgyan, sie sehe viel Grund zur Hoffnung, etwa durch die Bewegung für Europa „Pulse of Europe“.