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Völkerverbindende Musik und Lyrik zum Reformationsjubiläum & Ausstellung bis zum 4. Juni 2017

Bericht: Sönke Remmert, Foto: mk-Stadtkirche


Nadeschda Wirt, Die lutherische Kirche in der ehemaligen deutschen Kolonie Schäfer, 2016, Öl auf Leinwand.

Unter dem Motto „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ fand am 22.05.2017 in der Bayreuther Stadtkirche ein deutsch-russischer literarisch-musikalischer Abend statt. Im Rahmen des II. Kultur- und Geschäftsforums „Made by Deutschen aus Russland – Partnerschaft, Verantwortung, Erfolg“ präsentierten Künstler aus der Russischen Föderation und aus der Bundesrepublik Deutschland Lyrik und Musik aus der Zeit vom Barock bis zum 21. Jahrhundert. Moderiert wurde die Veranstaltung von der Russin Anna Bagmet und dem deutschen Schauspieler Jurij Dietz. Regie führte Valentina Eischpor.

 

In ihren einleitenden Worten hoben der Bayreuther Bundestagsabgeordnete Hartmut Koschyk (CSU) und Pfarrer Martin Kleineidam von der Stadtkirche die Bedeutung des Reformationsjubiläums und die völkerverbindende Bedeutung der Musik in einer unruhigen Welt hervor.

 

Musikalisch wurden internationale Klassiker geboten: So präsentierte die russische Sängerin Natalja Ritter die Arie der Marietta aus E. W. Korngolds Oper „Die tote Stadt“ sowie Franz Schuberts Lied „Gretchen am Spinnrade“. Der Pianist Aleksej Waker interpretierte Schuberts populäres Es-Dur-Impromptu Op. 90 Nr. 2. Der Bariton Michail Heine brachte Lieder von Johannes Brahms und Robert Schumann zu Gehör. Das Augsburger Ensemble „Rudemus“ beeindruckte mit dem meditativen „Laudate Dominum“ von Mozart und mit dem „Dona Nobis Pacem“ der amerikanischen Komponistin Mary Lynn Lightfoot. Das virtuose Oboen-Concertino des Spätromantikers August Klughardt wurde von Angelina Heine und Alekej Waker grandios dargeboten. Friedrich Lips brachte die selten zu hörende Introduktion und Tokkata aus der „Gotischen Suite“ des französischen Komponisten L. Boellmann zum Klingen. Das Ensemble des aktuellen russischen Komponisten Kirill Richter bot dessen Komposition „Chronos“Natürlich durfte bei einer solchen Veranstaltung auch Musik des berühmtesten deutschen protestantischen Kirchenkomponisten, Johann Sebastian Bach, nicht fehlen: Die Russin Julia Kuzmina interpretierte sehr poetisch sein Choralpräludium in f-Moll.

 

Zwischen den musikalischen Beiträgen lasen deutsche und russische Schauspieler Gedichte aus beiden Ländern. In ihnen spiegelte sich die rund 450-jährige Geschichte der evangelischen Kirche in Russland sowie das Schicksal der Protestanten im atheistisch geprägten Kommunismus des 20. Jahrhunderts wider, als Kirchen abgebaut oder gar für weltliche Zwecke missbraucht wurden, sowie der Kampf um die Wiederbelebung der alten Kirchengemeinden in jüngster Zeit. Unter den Autoren der Gedichte ist Viktor Schnittke (1937-1994), der Bruder des bekannten Komponisten Alfred Schnittke aus der Wolga-Republik (1934-1998) besonders hervorzuheben. Man konnte förmlich das Leiden der evangelisch-lutherischen Minderheit in der Russischen Föderation miterleben, aber auch die Hoffnung, dass Hilferufe in einer immer stärker zusammenwachsenden Welt nicht verhallen. Zugleich war zu spüren: Dank der völkerverbindenden Kraft der Musik ist die Weltlage, so unruhig sie auch ist, gewiss nicht ohne Hoffnung – ganz im Geiste Leonard Bernsteins oder Daniel Barenboims, aber auch im Geiste der deutsch-russischen Musikgeschichte zwischen Bachs für einen russischen Botschafter komponierten „Goldberg-Variationen“, Beethovens in St. Petersburg uraufgeführter „Missa Solemnis“ und den Welterfolgen von Meistern wie Peter Tschaikowsky oder Dmitri Schostakowitsch. Das Luther-Jubiläum 2017 ist ein willkommener Anlass, die völkerverbindenden Aspekte der Musik und der Künste überhaupt hochzuhalten.

 

Die Ausstellung von Lutherischen Kirchen in der russischen Föderation ist noch bis Pfingstsonntag, 4. Juni 2017 zu sehen. Info: Heute leben noch bis zu 600 000 Deutschstämmige in der Russischen Föderation. Etliche Lutherische Kirchen wurden wieder aufgebaut, nachdem sie in der kommunistischen Ära verfallen waren, als Maschinenhallen, Schwimmbäder oder als Viehställe benutzt wurden.